Von Kindern hat man große Lust
von Paul Gerhardt (1607 – 1676)
1. Von Kindern hat man große Lust.
Hinwieder hat man, wie bewusst,
auch von den Kindern großes Leid,
wenn Gott, nachdem er uns erfreut,
sie uns aus unsern Augen reißt
und von der Erden wandern heißt.
2. Da klagt der Vater: Ach, mein Kind!
Der Mutter Auge tränt und rinnt:
Die ganze Freundschaft wird betrübt
und was uns jemals hat geliebt,
das stimmt, so gut ein jeder kann,
sein Trauerliedlein mit uns an.
3. Der eine legt die Jahr zuhauf
und zählt des Lebens kurzen Lauf.
Der andre lobt das junge Blut
und rühmt des Kindes frommen Mut.
Der Dritte sucht die Lehrbegier
und heilgen Bärensfleiß herfür.
4. Nicht sag ich, dass das unrecht sei:
Doch denk ich gleichwohl auch dabei,
dass, da wir uns nur lauter Pein
und Schad und Unglück bilden ein,
solch und dergleichen Kinder Weh
in höchster Freud und Wohlfahrt steh.
5. Es fällt das Kind und fällt doch nicht,
stirbt hin und kömmt dadurch zum Licht:
Es geht zur schnöden Welt hinaus
und fährt ins ewgen Vaters Haus,
gibt allem Herzleid gute Nacht
und erbt das Reich, da alles lacht.
6. Da sitzt es recht in Gottes Schoß,
ist alles Grams und Kummers los,
sieht nichts als lauter Freud und Fried
und hört der Engel schönstes Lied.
Sein Mündlein lernt auch selbst die Weis
und schickt sich mit zu Gottes Preis.
7. Ich weiß in dieser ganzen Welt
kein Königsschloss, kein Fürstenzelt,
da man in größer Wollust schweb
und da das Herze süßer leb.
In allem Leben find sich Not,
hier aber lebt man ohne Tod.
8. O bist du da, du liebes Herz?
So weicht, ihr Tränen, flieh, du Schmerz!
Hast du dein Erb im Himmelreich,
ist deine Seel den Engeln gleich
und drückt Gott selbst dich an die Brust?
So bleibst du auch tot unsre Lust.
Hintergrund
Paul Gerhardt schrieb diesen Text anlässlich des Ablebens der 5-jährigen Hendrina Magdalena Seidel im Jahr 1662.

