Hört an, ihr Völker, hört doch an

von Paul Gerhardt (1607 – 1676)

1. Hört an, ihr Völker, hört doch an,
hört alle, die ihr lebet,
arm, reich, Herr, Diener, Frau und Mann
und was auf Erden schwebet:
Mein Mund soll reden von Verstand und rechte Weisheit lehren:
wir wollen, was mein Herz erfand,
in fein Gedichte hören / und spielen auf der Harfen.

2. Was sollt ich fürchten meinen Feind
in meinen bösen Tagen,
da mich, ders böse mit mir meint,
umgibt mit vielen Plagen,
wann mich mein Untertreter drückt
mit seinen Missetaten
und sich, weil ihm sein Tun geglückt
und alles wohl geraten,
erhebet, pocht und prahlet?

3. Was hilfst ihm all sein Hab und Gut,
wann sich der Tod herfindet?
Da gilt kein Geld, kein hoher Mut,
all Hilf und Rat verschwindet.
Und wenn auch gleich sein Bruder wollt
ihm an die Seite treten,
doch kann ihn weder rotes Gold
noch Bruders Blut erbeten,
er muss dem Tod herhalten.

4. Der Tod ist gar ein teurer Mann,
fragt nichts nach gutem Willen;
wann einer gleich gibt, was er kann,
noch lässt er sich nicht stillen.
Und sieht er auch schon manchem zu,
lässt ihn viel Jahr erlangen,
doch bricht er endlich solche Ruh,
er kommt einmal gegangen
und holt die alten Greisen.

5. Denn solche Weisen müssen doch
sowohl als wie die Narren
sich lassen in des Grabes Loch
versenken und verscharren;
da kommt denn, was sie an sich bracht,
in andrer Leute Hände,
und also gehet ihre Pracht
und Herrlichkeit zu Ende,
viel anders als sie wünschen.

6. Dies ist ihr Herz, das ist ihr Sinn,
dass ihr Haus ewig bleibe,
hr Ehr und Würd auch immerhin
sich wohl und mehr erkleibe;
noch dennoch aber können sie
nichts überall erhalten,
sie müssen fort und wie ein Vieh
hinunter und erkalten.
Das ist ein töricht Wesen.

7. Doch gleichwohl wird es hoch gerühmt
mit Lippen der Nachkommen
und gar nicht, wie es sich geziehmt,
zur Beßrung angenommen.
Sie liegen in der Höllen Grund
in einem bösen Schlafe,
der Tod, der nagt sie wie ein Hund
und wie ein Wolf die Schafe,
die keine Hilfe haben.

8. Die Bösen sind des Todes Beut
und müssen Marter leiden,
die Frommen wird der Herr mit Freud
im Himmelreiche weiden.
Der Trotz der unverschämten Rott
muss brechen und vergehen,
wer aber treu bleibt seinem Gott,
der soll dort ewig stehen
ihm Chor der Auserwählten.

9. Darum, mein allerliebstes Kind,
lass dich nicht irre machen,
ob einer reich wird und mit Sünd
erlangt viel teure Sachen;
denn wenn er stirbt, bleibt aller hier,
er kann nichts mit sich nehmen.
Sein Herrlichkeit, sein Ehr und Zier
verschwindet wie ein Schemen
und will ihm nicht nachfolgen.

10. Die Welt liebt ihren Kot und Stank,
hält viel von schnöden Dingen.
Und also gehn sie auch den Gang,
den ihre Väter gingen,
und sehen hinfort nimmermehr
das Licht, das uns ernähret;
kurz: Wann ein Mensch hat Würd und Ehr
und ist nicht fromm, so fähret
er wie ein Vieh von hinnen.

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