Hör an, mein Herz, die sieben Wort
von Paul Gerhardt (1607 – 1676)
1. Hör an, mein Herz, die sieben Wort,
die Jesus ausgesprochen,
da ihm durch Qual und blutgen Mord
sein Herz am Kreuz gebrochen.
Tu auf den Schrein
und schleuß sie ein
als edle hohe Gaben,
so wirst du Freud
in schwerem Leid
und Trost am Kreuze haben.
2. Sein allererste Sorge war,
zu schützen, die ihn hassen,
bat, dass sein Gott der bösen Schar
wollt ihre Sünd erlassen.
Vergib, vergib,
sprach er aus Lieb,
o Vater, ihnen allen!
Ihr keiner ist,
der sah und wüßt,
in was für Tat sie fallen.
3. Lehrt uns hiermit, wie schön es sei,
die lieben, die uns kränken,
und ihnen ohne Heuchelei
all ihre Fehler schenken.
Er zeigt zugleich,
wie gnadenreich
und fromm sei sein Gemüte,
dass auch sein Feind,
ders böse meint,
bei ihm nichts find als Güte.
4. Drauf spricht er seine Mutter an,
ie bei Johanne stunde,
tröst’t sie am Kreuz, so gut er kann,
mit seinem schwachen Munde:
Sieh hier dein Sohn!
Weib, der wird schon
mein Amt bei dir verwalten.
Und, Jünger, sieh,
hie stehet, die
du sollst als Mutter halten.
5. Ach, treues Herz, so sorgest du
für alle deine Frommen.
Du siehst und schauest fleißig zu,
wie sie in Trübsal kommen,
trittst auch mit Rat
und treuer Tat
zu ihnen auf die Seiten;
du bringst sie fort,
gibst ihnen Ort
und Raum bei guten Leuten.
6. Die dritte Red hast du getan
dem, der dich, Herr, gebeten:
Gedenk und nimm dich meiner an,
wenn du nun wirst eintreten
in deinen Thron
und Ehr und Kron
als Himmelsfürst aufsetzen!
In will gewiss
im Paradies,
sprachst du, dich heut ergetzen.
7. O süßes Wort, o Freudenstimm!
Was will uns nun erschrecken?
Lass gleich den Tod mit großem Grimm
hergehn aus allen Ecken;
stürmt er gleich sehr,
was kann er mehr,
als Leib und Seele scheiden?
Indessen schwing
ich mich und spring
ins Paradies mit Freuden.
8. Nun wohl, der Schächer wird mit Freud
aus Christi Wort erfüllet,
er aber selbst fängt an und schreit,
gleich als ein Leue brüllet:
Eli, mein Gott!
Welch Angst und Not
muss ich, dein Kind, ausstehen!
Ich ruf, und du
schweigst still dazu
läß’st mich zu Grunde gehen.
9. Nimm dies zur Folge, frommes Kind,
wann Gott sich grausam stellet,
schau, dass du, wenn sich Trübsal find’t,
nicht werdest umgefället.
Halt steif und fest:
Der dich jetzt lässt,
wird dich gar bald erfreuen,
sei du nur treu
und halt dabei
stark an mit gläubgem Schreien.
10. Der Herr fährt fort, ruft laut und hell,
klagt, wie ihn heftig dürste:
Mich dürstet, sprach der ewge Quell
und edle Lebensfürste.
Was meint er hier?
Er zeiget dir,
wie matt er sich getragen
an deiner Last,
die du ihm hast
gemacht in Sündentagen.
11. Er deutet auch darneben an,
wie ihn so hoch verlange,
dass dies sein Kreuz bei jedermann
Frucht bring und wohl verlange.
Das merk mit Fleiß,
wer sich im Schweiß
der Seelenangst muss quälen:
Das ewge Licht
schleußt keinen nicht
vom Teil und Heil der Seelen.
12. Als nun des Todes finstre Nacht
begunnt hereinzudringen,
sprach Gottes Sohn: Es ist vollbracht
das, was ich soll vollbringen.
Was hier und dar
die heilge Schar
der Väter und Propheten
hat aufgesetzt,
wie man zuletzt
mich kreuzgen würd und töten.
13. Ist’s denn vollbracht, was willst du nun
dich so vergeblich plagen,
als müsst ein Mensch mit seinem Tun
die Sündenschuld abtragen?
Es ist vollbracht!
Das nimm in Acht,
du darfst hie nichts zu geben,
als dass du gläubst
und gläubig bleibst
in deinem ganzen Leben.
14. Nun endlich red er noch einmal,
schreit auf ohn alle Maßen:
Mein Vater, nimm in deinen Saal
das, was ich jetzt muss lassen:
Nimm meinen Geist,
der hier sich reißt
aus meinem kalten Herzen!
Und hiermit wird
der große Hirt
entbunden aller Schmerzen.
15. O wollte Gott, dass ich mein End
auch also möchte enden
und meinen Geist in Gott Händ
und treuen Schoß hinsenden!
Ach lass, mein Hort,
dein letztes Wort
mein letztes Wort auch werden!
So werd ich schön
und selig gehn
zum Vater von der Erden.

