Herr, du erforschest meinen Sinn

von Paul Gerhardt (1607 – 1676)

1. Herr, du erforschest meinen Sinn
und kennest, was ich hab und bin,
ja, was mir selbst verborgen ist,
das weißt du, der du alles bist.

2. Ich sitz hier oder stehe auf,
ich lieg, ich geh auch oder lauf:
so bist du um und neben mir,
und ich bin allzeit hart bei dir.

3. All die Gedanken meiner Seel,
und was sich in der Herzenshöhl
hier reget, hast du schon betracht,
eh ich einmal daran gedacht.

4. Auf meiner Zungen ist kein Wort,
das du nicht hörtest allsofort,
du schaffests, was ich red und tu,
und siehst all meinem Leben zu.

5. Das ist mir kund. Und bleibet doch
mir solch Erkenntnis viel zu hoch,
es ist die Weisheit, die kein Mann
recht aus dem Grunde wissen kann.

6. Wo soll ich, der du alles weißt,
mich wenden hin vor deinen Geist?
Wo soll ich deinem Angesicht
entgehen, dass michs sehe nicht?

7. Führ ich gleich an des Himmels Dach,
so bist du da, hältst Hut und Wach,
stieg ich zur Höll und wollte mir
da betten, find ich dich auch hier.

8. Wollt ich der Morgenröten gleich
geflügelt ziehn, so weit das Reich
der wilden Fluten netzt das Land
käm ich doch nie aus deiner Hand.

9. Rief ich zu Hilf die finstre Nacht,
hätt ich doch damit nichts verbracht;
denn lass die Nacht sein wie sie mag,
so ist sie bei dir heller Tag.

10. Dich blendt der dunkle Schatten nicht,
die Finsternis ist dir ein Licht,
dein Augenglanz ist klar und rein,
darf weder Sonn und Mondenschein.

11. Mein Eingeweid ist dir bekannt,
es liegt frei da in deiner Hand,
der du von Mutterleibe an
mir lauter Lieb und Guts getan.

12. Du bists, der Fleisch, Gebein und Haut
so künstlich in mir aufgebaut;
all deine Werk sind Wunder voll,
und das weiß meine Seele wohl.

13. Du sahest mich, da ich noch gar
fast nichts und unbereitet war,
warst selbst mein Meister über mir
und zogst mich aus der Tief herfür.

14. Auch meiner Tag und Jahre Zahl,
Minuten, Sunden allzumal
hast du, als meiner Zeiten Lauf,
vor meiner Zeit geschrieben auf.

15. Wie köstlich, herrlich, süß und schön
seh ich, mein Gott, da vor mir stehn
dein weises Denken, was du denkst,
wenn du uns deine Güter schenkst!

16. Wie ist doch das so trefflich viel!
Wenn ich bisweilen zählen will,
so find ich da bei weitem mehr
als Staub im Feld und Sand am Meer.

17. Was macht denn nun die wüste Rott,
die dich, o großer Wundergott,
so schändlich lästert und mit Schmach
dir so viel Übels redet nach?

18. Ach, stopfe ihren schnöden Mund!
Steh auf und stürze sie zu Grund!
Denn weil sie deine Feinde seind,
bin ich auch ihnen herzlich feind.

19. Ob sie nun gleich hinwieder sehr
mich hassen, tu ich doch nicht mehr,
als dass ich wider ihren Trutz
mich leg in deinen Schoß und Schutz.

20. Erforsch, Herr, all mein Herz und Mut,
sieh, ob mein Weg sei recht und gut,
und führe mich bald himmelan
den ewgen Weg, die Freudenbahn.

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