Gott,
wir kommen zu dir an diesem Tag des Gedenkens
und wir scheuen uns, dich allmächtig zu nennen
angesichts dessen, was in Auschwitz geschah.
Ein Ort, auffindbar auf der Landkarte,
eine Geschichte, unendlich bezeugt, beschrieben, besprochen, bedacht,
ein Verbrechen, das wir nicht begreifen,
auch Generationen später noch nicht.
Wir scheuen uns, dich allmächtig zu nennen, Gott.
Wir sollten uns lieber scheuen, uns ohnmächtig zu nennen,
denn was dort getan wurde in Auschwitz,
das haben Menschen getan.
Gott,
wir bringen sie vor dich,
die Millionen, die ermordet wurden,
die Kinder, die Frauen, die Männer.
Wir bringen sie alle vor dich,
mit ihren Geburtstagen, ihren Gesichtern,
ihren Namen, ihren Leben.
(Stille)
Wir bringen vor dich ihre Ungewissheit vor der Deportation,
ihre Verzweiflung in den Waggons,
ihre Panik an der Rampe beim Ausladen und Aufteilen,
später ihr Verstummen.
Wir erzählen uns von ihnen
damit sie nicht vergessen werden.
Wir wollen keinen Anteil haben an dem Vorhaben, sie zu vernichten
und an dem Versuch, sie auszulöschen.
Darum erinnern wir uns an sie.
Gott,
wir mögen sie dir nicht aufzählen,
all die Orte wie Auschwitz oder ähnlich wie Auschwitz,
in der Vergangenheit und in der Gegenwart.
Es sind zu viele, Gott, bis heute.
Wir versuchen, uns so sorgfältig zu erinnern wie möglich,
niemanden zu vergessen in der Zahl der Opfer,
alle zu nennen, denen man ihre Würde genommen hat.
Rechne uns das zu, Gott,
stell wenigstens unser sorgfältiges Erinnern
neben das, was an Bösem zugelassen und getan wurde.
Gott,
erschrecke uns an diesem Tag,
an dem wir sehen, wohin es führt,
wenn Menschen anderen Menschen den Wert und die Würde absprechen.
Erschrecke uns noch mehr, Gott,
wenn wir sehen, wo es heute beginnt,
dass Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden,
nach ihrer Herkunft, nach ihrer Religion,
nach ihrem Aussehen, ihren Fähigkeiten,
nach ihrer Weise zu lieben und ihr Leben zu gestalten.
Mach uns wachsam gegenüber den Anfängen
und unduldsam gegen die Verharmlosung.
Lass uns nicht nur erschrecken vor der Vergangenheit,
sondern auch in der Gegenwart,
damit das Erschrecken keine Zukunft hat.
Amen.