Berichte, Predigten, Texte

Ostern ist etwas für Aufmüpfige
Meditation zu Ostern von Dr. Horst Gorski, Leiter des Amtsbereichs der VELKD und Vizepräsident im Kirchenamt der EKD

Im Treppenviertel des Hamburger Stadtteils Blankenese, mit Blick vom Geestrücken über den Elbstrom, die Schiffe und das Alte Land auf der anderen Uferseite, steht auf einer Tafel ein kleines Gedicht von Dorothee Sölle. Meines Wissens ist es sonst unveröffentlicht:

Und ich sah den Himmel über Blankenese.
Weit aufgerissen und golden am Westrand.
Vor mir die wüste Drängelei der Wolken.

Und ich dachte, das ist meine Welt.
Von diesem Planeten lasse ich mich nicht vertreiben.
Hier geht mir die Sonne noch unter und auf.

                                          Dorothee Sölle (1929-2003)

Ostern ist etwas für Aufmüpfige. Ostern ist ein einziger großer „Aufmupf“ Gottes gegen die Mächte dieser Welt.

„Christ lag in Todesbanden“ singen Christen am Ostermorgen. An diesem Osterfest 2020 liegt die Welt im Banne einer Pandemie, eines Virus, gefangen in den Banden eines weitgehenden „Shutdown“ nahezu überall auf der Welt. Das alltägliche Leben, wie wir es kennen, ruht. Keine Kitas, keine Schulen, keine Restaurants, die meisten Läden und Geschäfte geschlossen, keine Sportveranstaltungen, nicht einmal Fußball-Bundesliga, keine Konzerte, kein Theater, keine Museen, weltweit fast kein Flugverkehr mehr. Und keine Gottesdienste. Zum ersten Mal, nicht seit Ende des 2. Weltkrieges, sondern wohl seit Entstehung des Christentums, sind in den meisten Kirchen weltweit Gottesdienste untersagt.

Die Maßnahmen sind vernünftig und vermutlich notwendig, keine Frage. Aber neben den vielen wirtschaftlichen und kulturellen Folgen, die der Zustand hervorruft, geht er an die Seele der Menschen. „Hinabgestiegen in das Reich des Todes…“. Es liegt etwas Unwirkliches wie Totenstille über dem Land, viele empfinden einen dumpfen Druck auf der Seele; es liegt etwas wie eine Decke über dem Kopf und dem Blick. In anderen Ländern ist die Konfrontation mit dem Tod heftig, Gesundheitssysteme sind überfordert. Bei uns zum Glück (noch) nicht. Ein Virologe sagte: Wenn er sich aussuchen könne, in welchem Land er eine Pandemie verbringen wolle, dann Deutschland. Gut, ich träume mich irgendwo an einen einsamen Strand in fernen Landen, wo ich mit der Pandemie nichts zu tun hätte. Aber wenn das nur ein Traum bleibt: Dann in Deutschland, ja.

„Christ ist erstanden von der Marter alle, des solln wir alle fröhlich sein, Christ will unser Trost sein. Kyrieleis.“ Auch dies singen Christen am Ostermorgen. Die zeitliche Synchronisation stimmt in diesem Jahr nicht ganz. Ein Auferstehen der Welt aus den Banden der Pandemie wird es erst später geben, auch wenn Hoffnungsschimmer sich jetzt andeuten. Auferstehung ist der Aufstand Gottes gegen den Tod, ist die Verwandlung des alten Lebens in neues Leben, ist der „Aufmupf“ gegen die Mächte dieser Welt.

Alles hat seine Zeit. Regeln befolgen hat seine Zeit. Sich zurückziehen hat seine Zeit. Nach draußen gehen hat seine Zeit. Aufmüpfig sein hat seine Zeit.

„Und ich dachte, das ist meine Welt. Von diesem Planeten lasse ich mich nicht vertreiben. Hier geht mir die Sonne noch unter und auf.“ Das ist unser Planet. Wir lassen uns nicht vertreiben. Dazu braucht es den Aufmupf Gottes – und unsere Aufmüpfigkeit auch. Eine liberale, aufgeklärte Gesellschaft wird, wenn sie es klug anstellt, nicht durch Schweigen und Hinnehmen zusammengehalten, sondern durch kritische Beobachtung und lebendige Debatten. Wenn die Zeit gekommen ist – wenn die Synchronisation wieder stimmt und Ostern da und die Welt aus dem Shutdown befreit ist – dann werden Fragen zu stellen sein: Woher kommen neue Viren, und warum springen sie neuerdings immer häufiger vom Tier auf den Menschen über? Warum werden Krankenhausbetten nur (in Deutschland zum Glück nicht nur) nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten vorgehalten und nicht am Bedarf der Schutzbedürftigen ausgerichtet? Warum werden Pflegekräfte so schlecht bezahlt? Was gehört zur lebensnotwendigen Infrastruktur? Sind Gottesdienste keine notwendigen Güter des Lebens? Warum werden andere lebensnotwendige Güter nur noch dort produziert, wo es am billigsten ist? Und auch: Warum werden jetzt täglich Zahlen von Toten veröffentlicht, und warum gibt es den täglichen Börsenbericht, aber nicht den täglichen Bericht über Hungertote? Bei jährlich etwa 9 Millionen Menschen sind das ca. 24.600 Menschen täglich. Was wäre, wenn wir ebenso gebannt wie jetzt verfolgen würden, wie diese Zahl täglich sinkt, weil unsere Maßnahmen dagegen Erfolg haben? Und einmal in der Woche abends auf unseren Balkonen stehen und klatschen, dass es wieder weniger geworden sind?

Die Pandemie ist nicht von Gott geschickt. Gott will das Leben der Menschen, nicht ihren Tod. Davon zeugt die Bibel von der ersten bis zur letzten Seite. Die Pandemie ist auch kein naturgegebenes Schicksal. Zumindest in ihren Erscheinungsformen und Folgen hat sie viel zu tun mit der Art, wie wir leben, wie wir reisen, wie wir kommunizieren, wie wir wirtschaften, was wir beanspruchen.

Es wird einen Weg in den Alltag geben, aber es wird nicht der Alltag von vorher sein. Wenn es gut geht, haben wir Teil an einer Verwandlung, die ein Aufscheinen der Auferstehung von den Toten ist. Natürlich wird es auch die geben, die ihren persönlichen Gewinn aus der Krise ziehen. Das hat es immer gegeben und wird es auch diesmal geben. Das wird aber nicht alles sein.

Wir werden andere sein als vorher, verwandelt, werden einen offeneren Blick für andere und ihre Nöte haben, werden uns Ansprüche sorgsamer überlegen, nicht alles optimieren wollen, mehr Vertrauen entwickeln, dass uns die wesentlichen Dinge des Lebens geschenkt werden. Auf Nordfriesisch gibt es den schönen Spruch „Rüüm hart, klaar kimming“ – auf deutsch: Großes Herz, klarer Blick. Wenn das dumpfe Gefühl von unserer Seele ablässt und die Decke vom Kopf sich langsam lichtet, dann bleiben wir verwandelt zurück mit großem Herzen und klarem Blick. Dann hat der Aufstand gegen den Tod, hat der Aufmupf gegen die Mächte dieser Welt gesiegt. Und wer es noch nicht am Ostermorgen gesungen hat, stimmt vielleicht im Sommer ein in den Choral: „Christ ist erstanden!“

Ostern ist etwas für Aufmüpfige - Dr. Horst Gorski 169,64 kbSeite drucken
Wüstenzeiten.
Andachtsimpuls von Dr. Johannes Goldenstein

Und alsbald trieb der Geist Jesuss in die Wüste; und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den Tieren, und die Engel dienten ihm. (Markusevangelium, Kapitel 1, Vers 12 und 13)

Die Wüste kenne ich nur aus Büchern und Filmen. In ihrer Ästhetik. Auch in ihrer Bedrohlichkeit. Klar, Sand unter den Füßen, wie am Strand auf Amrum – nur kein Meer dabei. Klar, Hitze wie in den Sommern der letzten beiden Jahre – nur noch viel extremer. Aber alles andere? Nur aus zweiter und dritter Hand. 

Ich kenne aber den einsamen Ort. Das Markusevangelium erzählt davon in einem ganz anderen Zusammenhang (Markus 6,32). Für mich ist dieser einsame Ort lange Zeit ein Kloster hier im Niedersächsischen gewesen. Ein Rückzugsort für geistliche Übungen. Dort, in der Einsamkeit des Schweigens – und zugleich aufgehoben in der Mittelgebirgslandschaft des Solling und in der Gemeinschaft einer Kommunität und der anderen Kursteilnehmenden – bin ich Gott begegnet. 

Anfangs habe ich diese Einsamkeit gefürchtet. Zehn Tage im Schweigen!
Schon bald habe ich gemerkt, welcher Schatz sich da auftut, wenn man sich auf die Dynamik einer solchen Zeit einlässt.

Mit dem, was wir in diesen Tagen erleben, ist diese Erfahrung natürlich nur sehr begrenzt vergleichbar. Die Formen der Kontaktvermeidung und der Isolation, die uns verordnet oder nahegelegt werden, sind ganz andere. Sie sind nicht wie im Kloster abgefedert durch gemeinsame Gebetszeiten, gemeinsames Singen, gemeinsames Essen und ein tägliches Gespräch. 

Und doch entdecke ich die Erfahrung aus meinen Exerzitien-Zeiten in diesen Tagen als Ressource. Wenn ich ganz im Schweigen bete und in der Bibel lese, wie ich es im Kloster geübt habe, bin ich mit meinen Gedanken und Gefühlen immer wieder auch dort in der Krypta. Das tröstet mich. 

Und es gibt mir Kraft. Kraft, in der Stille auf Gott zu warten. Es auszuhalten, dass er mit seinen Antworten auf meine Fragen auf sich warten lässt. Stundenlang. Manchmal tagelang. 

Diese Einsamkeit ist ganz anders als die, die ich in anderen Beziehungen erlebt habe, enttäuscht, stumm, verletzt. 
Diese Einsamkeit ist irgendwie erfüllt. Erwartungsvoll. 

Und ich weiß: Ich bin mit ihr nicht allein. Viele von uns erleben sie gerade, auf ganz, ganz unterschiedliche Weise. Und natürlich können viele nicht an solche Vorerfahrungen im Kloster anknüpfen wie ich.

Auch Jesus hat sie erlebt, damals, nach seiner Taufe, in der Wüste. Was er genau erlebt hat dort, darüber steht in den Berichten der Evangelien so gut wie nichts. Er wurde versucht. Er war bei den Tieren. Die Engel dienten ihm. 

„Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen,“ hatte die Stimme gesagt, die bei seiner Taufe vom Himmel geschehen war. Und dann trieb ihn der Geist in die Wüste. Gottes Geist doch wohl … 

Warum? 
Damit er herausfinden kann, wer er ist – ?
Sohn Gottes … 

In der Wüste neu herausfinden wer wir sind: Könnte das eine Chance dieser Tage sein? 

In der Wüste gedeiht ja nicht viel. Aber es gibt ja nicht nur die Wüsten, mit Sand und Sturm und Trockenheit, Hitze und Kälte. Es gibt seit alters auch die Hoffnung und die Verheißung, dass die Wüste blühen wird. Und Viele arbeiten daran, nicht erst seit ein paar Tagen, mit eigener Energie und mit Gottes Hilfe, dass aus Wüsten Gärten werden. 

 
Wir beten: 

Gott der Wüste und Gott des Gartens:
Dein Sohn ist in die Wüste gegangen.
Dort saß er. 
Dort betete er. 
Dort träumte er von einem Leben in größerer Fülle für andere. 
Sieh uns, wie wir uns bemühen, für eine ungewisse Zeit in der Einsamkeit Wurzeln zu schlagen und zu bedenken, wie wir uns auseinandergelebt haben.
Lass uns die Ruhe finden, die wir brauchen.
Und lass neue Ideen in uns aufkeimen für die, die keine Ruhe kriegen. 

Amen. 
 

Andachtsimpuls - Wuestenzeit_OKR Dr. Goldenstein 77,83 kbSeite drucken
Glaube in Zeiten eines Virus
Dr. Horst Gorski, Leiter des Amtsbereichs der VELKD und Vizepräsident im Kirchenamt der EKD - Mittwoch, 11. März 2020

"Krankheit und Tod begleiten das Leben des Menschen. Aber Hygiene, gesunde Ernährung und der medizinische Fort-schritt haben sich wie ein Schutzkokon um den Menschen gelegt, der die unmittelbare Erfahrung der Sterblichkeit über weite Strecken des Lebens von ihm fernhält. 

Vielleicht lässt sich das am deutlichsten an der Entwicklung der Kindersterblichkeit ablesen. Im Mittelalter starben mehr als die Hälfte aller Kinder vor Erreichen des 14. Lebensjahres. Und über zwanzig Prozent der Frauen starben im Kindbett. Martin Luther und Katharina von Bora hatten sechs Kinder, von denen eines als Säugling und eines vor dem 14. Lebens-
jahr starb.

Heute liegt die Kindersterblichkeit in Deutschland unter 0,5 %. Am Lebensende haben wir viele Möglichkeiten lebensverlängernder Maßnahmen und palliativer Versorgung. So hat unsere Gesellschaft es weithin verlernt, mit Erfahrungen von Endlichkeit umzugehen.

Zurzeit aber ist es, als würde der Kokon des Behütetseins, den wir geschaffen und in dem wir uns eingerichtet haben, brüchig. Aber was ist eigentlich die Bedrohlichkeit, die viele Menschen zurzeit empfinden? Und wie lässt sich eine geistliche Haltung beschreiben, die mit dieser Bedrohlichkeit umzugehen versteht?


Die Herausforderung besteht darin, die Folgen verbesserter medizinischer Diagnosen in Verbindung mit globaler Mobilität und globaler Kommunikation in Echtzeit zu verarbeiten. Man kann annehmen, dass die Existenz des Corona-19-Virus und der Covid-19-Erkrank-
ung in früheren Zeiten unentdeckt geblieben wäre. Da die Symptome grippeähnlich sind, hätte man die Erkrankungen der Grippe zugerechnet. Und auch die Toten hätte man mit der ohnehin von Jahr zu Jahr schwankenden Zahl der Grippetoten mitgezählt.

 

So sind es nicht eigentlich das Virus und die Krankheit selbst, die uns zu schaffen machen. Was wir verarbeiten müssen, sind die Folgen der Globalisierung und Digitalisierung. Sie ermöglichen es, dass das Virus sich sozusagen mit „Reisegeschwindigkeit“ um die Welt verbreitet und dass wir alle Informationen über Erkrankungen und Maßnahmen in Echtzeit ins Wohnzimmer geliefert bekommen. Verstärkt von dem Mechanismus, dass die Medienwelt davon lebt, eine Nachricht auf die andere zu beziehen. In Endlosschleifen werden informative wie belanglose und unwahre Äußerungen gleichermaßen kommentiert und die Kommentare wieder kommentiert.

 

Die Welt, wie sie wirklich ist, ist uns nicht zugänglich. Was wir sehen, ist die Welt, wie die Kommunikationsmedien sie verbreiten. Zusätzlich entstehen apokalyptische Szenarien vor unseren Augen: Was wäre, wenn …? Wenn dieses Virus wirklich hochgradig tödlich wäre? Dagegen erscheinen die derzeitigen Reaktionen wie eine harmlose Übung. Dann müsste die Welt, wie wir sie kennen, tatsächlich von einem Tag auf den anderen stillstehen.

 

Neue technische Möglichkeiten und insbesondere neue technische Verbreitungsmedien der Kommunikation stellen Herausforderungen dar, auf die die Menschen zunächst verunsichert oder hilflos reagieren. Es müssen erst Kulturformen für den Umgang mit ihnen entwickelt werden. Bei diesem Vorgang schauen wir uns gerade selbst zu: Wie wir – learning by doing – Kulturformen des Umgangs mit den Herausforderungen der Globalisierung und Digitalisierung entwickeln. Wir versuchen Halt zu finden in einer Welt, die sich in ihrer Komplexität unserer Kontrolle entzieht. Früher sagte man: „Das liegt in Gottes Hand“ und nahm hin, was geschah. Und heute?

 

Tröstet und beruhigt uns der christliche Glaube angesichts dieser Herausforderungen? Ja, natürlich. Sich in Gottes Hand geborgen zu wissen, verändert den Blick auf die Sterblichkeit und Zerbrechlichkeit des Lebens. Neu ist, dass wir mit unserem Gottvertrauen durch eine Welt schreiten, die sich rasant verändert, die wir selbst rasant verändern. Für den Umgang mit diesen Veränderungen haben wir noch keine angemessenen Kulturformen entwickelt. Unsere Verantwortung in dieser Welt suchen wir tastend …

So suchen wir nach dem Geist Gottes, der alles Leben durchwebt, auch in diesen fremden Erscheinungen, tastend, fragend, ob dies noch Gottes Schöpfung und seinem Atem zuzurechnen ist, oder ob die Gestaltungskraft des Menschen womöglich Schwellen überschreitet, hinter denen nicht mehr Gottes Geist, sondern nur noch menschliches Versagen waltet. Die Antwortet auf diese Fragen kennt heute niemand. Aber wir vertrauen darauf, dass es solche Schwellen niemals gibt, weil Gottes Geist die Welt umfasst. Auch eine, die sich selbst gerade nicht versteht."

Glaube in Zeiten des Virus_Dr. Horst Gorski 66,53 kbSeite drucken
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