Konsens und Dissens – wie weit reicht die Ökumenische Ethik?

Konsens Dissens Titelbild

(Bild: ©Ev. Akademie Tutzing)

Rückblick auf das Symposium an der Evangelischen Akademie Tutzing zur Studie „Gott und die Würde des Menschen“

Können unterschiedliche ethische Urteile und Stellungnahmen der evangelischen und der römisch-katholischen Kirche die Ökumene behindern? Diese Frage stand im Mittelpunkt eines Symposiums der VELKD und der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) im März 2019 in der Evangelischen Akademie Tutzing. Ausgangspunkt der Diskussionen war die Studie „Gott und die Würde des Menschen“, die von der dritten Bilateralen Arbeitsgruppe der VELKD und der DBK (BILAG III) 2017 veröffentlicht wurde.

Die zentrale These der Studie „Gott und die Würde des Menschen“: weitreichender Konsens

Zwischen der römisch-katholischen Kirche und den evangelischen Kirchen besteht ein weitreichender Konsens im Blick auf das christliche Menschenbild und ethische Prinzipien. Diese Übereinstimmung wird auch durch die unterschiedliche Bewertung von Einzelfragen nicht aufgelöst – soweit die zentrale These der Studie. Auf der Tagung in Tutzing wurde die These erläutert und durch Beiträge aus der Perspektive andere Konfessionen ergänzt.

Gibt es auch Anknüpfungspunkte für andere Konfessionsfamilien?

Prof. Dr. Markus Iff hob hervor, dass freikirchliche Theologen vor allem die Autonomie und Selbstbestimmung des Einzelnen betonen und damit einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Menschenrechtstradition geleistet hätten. Wenn man heute im Kontext unterschiedlicher Konfessionen über Menschenwürde nachdenke, dann gehe es darum, den Menschen auch in seinen Beziehungen zu den Mitmenschen in den Blick zu nehmen. Menschenwürde realisiere sich nämlich im „Spannungsfeld von Autonomie und Verantwortung“. In dieser Hinsicht biete die Studie eine gute Grundlage für die ökumenische Weiterarbeit.

Welche Relevanz hat die Studie für die kirchliche Praxis?

Die Studie „Gott und die Würde des Menschen“ begebe sich „auf ein Gebiet, auf dem sich die Kirchen direkt im Bereich öffentlich geführter Debatten bewegen“ und das lege nahe, „die These der Studie auf konkrete kirchliche Handlungsfelder zu beziehen“, so der Catholica-Beauftragte der VELKD, Landesbischof Dr. Karl Hinrich Manzke.

Zwei Beispiele aus der aktuellen Diskussion: Ehe für alle, Umgang mit Geflüchteten

Einer in den Kirchen kontrovers diskutierten Frage stellte sich die Tagung mit dem Thema „Ehe für alle“. Prof. Dr. Traugott Jähnichen brachte die Herausforderung auf den Punkt: „Hier muss man Wasser in den ökumenischen Wein gießen, und die Frage ist, ob dabei eine trinkbare Schorle herauskommt“. Während die evangelischen Kirchen die Ehe vor allem durch den Aspekt der gegenseitigen Treue und Partnerschaft bestimmt sehen, forderte Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff aus katholischer Perspektive z. B. auch die „grundsätzliche Offenheit für Kinder“ als wichtiges Element des Eheverständnisses ein. Auch wenn hier auf den ersten Blick die Unterschiede überwiegen, sahen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung dennoch keinen Grunddissens im Eheverständnis der beiden Kirchen.

In der Frage des Umgangs mit Geflüchteten konnten Prof. Dr. Katharina Klöcker und Dr. Roger Mielke aus katholischer bzw. evangelischer Perspektive keine Differenzen zwischen den Kirchen erkennen. Gemeinsam stünden diese aber vor der Herausforderung, ihre ethischen Prinzipien in der öffentlichen Debatte plausibel zu darzulegen und sie im Bereich politischer Abwägungen zu bewähren.

Das Programm finden Sie zum Nachlesen.


Alle Referenten im Überblick:

  • Dr. Gerhard Feige, Bischof von Magdeburg, Vorsitzender der Ökumene­kommission der Deutschen Bischofskonferenz
  • Prof. Dr. Markus Iff, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Ewersbach
  • Prof. Dr. Traugott Jähnichen, Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum
  • Prof. Dr. Dr. h.c. Hans Joas, Ernst-Troeltsch-Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin sowie Professor für Soziologie an der Universität Chicago
  • Dr. Katharina Klöcker, Juniorprofessorin für Theologische Ethik, Katholisch-Theologische Fakultät, Ruhr-Universität Bochum
  • Dr. Karl-Hinrich Manzke, Landesbischof von Schaumburg Lippe, Catholica-Beauftragter der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands
  • Pfr. Dr. Roger Mielke M.A., Ev. Militärpfarramt Koblenz III (Zentrum Innere Führung)
  • Prof. Dr. Miriam Rose, Professorin für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Prodeka­nin
  • Prof. Dr. Michael Roth, Professor für Systematische Theologie und Sozialethik an der Johannes Gutenberg Universität Mainz
  • Prof. Dr. Herbert Schlögel OP, em. Professor für Moraltheologie an der Kath.-Theol. Fakultät der Universität Regensburg
  • Prof. Dr. Eberhard Schockenhoff, Professor für Moraltheologie an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg i. Breisgau
  • Prof. Dr. Thomas Söding, Professor für Neues Testament an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität Bochum
  • Prof. Dr. Wolfgang Thönissen, Professor für Ökumenische Theologie, leitender Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik in Paderborn sowie Rektor der Theologischen Fakultät Paderborn
  • Prof. Dr. Fabian Wittreck, Leiter des Instituts für Öffentliches Recht und Politik an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster
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