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Vom Sonntag her leben

Der Osterfestkreis

Ostern ist das älteste christliche Jahresfest. Manches spricht dafür, dass die ersten Gemeinden auf dem Boden Palästinas, die sich allem Anschein nach zunächst an die jüdische Gottesdienst- und Festpraxis hielten (vgl. Apg 2,46; 3,1), auch das Passafest nach überliefertem Brauch feierten, es aber mit christlichen Deutungen füllten. Es ist denkbar, dass auch Paulus 1 Kor 5,7 auf eine christliche Passafeier Bezug nimmt, die inhaltlich durch die Aussage »Christus ist unser Passalamm« bestimmt wird. Auch die Passions-Chronologie des Johannesevangeliums wie die Abendmahlsberichte der synoptischen Evangelien deuten in diese Richtung.

Eindeutige Zeugnisse für eine christliche Feier des Passafestes finden sich erst im 2. Jh. So wie im Mittelpunkt des jüdischen Passafestes das abendliche Passamahl stand (das freilich gegen Mitternacht beendet sein musste), bildete ein nächtlicher Gottesdienst auch das Zentrum der christlichen Passafeier. Er dauerte bis zum frühen Morgen des Ostertages, wo er mit dem Herrenmahl abgeschlossen wurde.

Bald schon bildeten sich im Umkreis dieses nächtlichen Gottesdienstes bestimmte Gewohnheiten und Formen der gottesdienstlichen Begehung heraus. So wird schon früh ein Fasten zur Vorbereitung der Passafeier bezeugt. Es dauerte — unterschiedlich in den einzelnen Regionen — einen bis sechs Tage und fand erst mit der Mahlfeier am Ende des nächtlichen Gottesdienstes seinen Abschluss. Es stand im Zeichen der Trauer über das Leiden und den Tod Jesu und trug den Charakter eines Sühnefastens. Dieses Passafasten wurde zum Ansatzpunkt für die spätere vorösterliche Buß- und Fastenzeit, die im Evangelischen Gottesdienstbuch als ›Passionszeit‹ die letzten sechs Sonntage vor dem Osterfest umfasst.

Ebenfalls relativ früh finden sich Hinweise auf eine fünfzigtägige Freudenzeit, die sich an das christliche Passa anschloss. Bei ihrer Ausbildung und zeitlichen Begrenzung mag das jüdische Wochenfest — sieben Wochen nach dem Passafest — eine Rolle gespielt haben. Der fünfzigste Tag nach Ostern (griechisch pentekoste, hiervon das deutsche Wort Pfingsten) wurde zunächst als festlicher Abschluss der österlichen Freudenzeit insgesamt verstanden und begangen. Erst seit dem 4. Jh. gewann er — nunmehr verbunden mit dem Gedächtnis der Ausgießung des Heiligen Geistes — mehr und mehr den Charakter eines eigenständigen Festes. Das gilt auch für das Fest Christi Himmelfahrt am 40. Tag nach Ostern. Motive des Wochenfestes — Aufstieg des Mose zum Sinai, Empfang der Gabe des Gesetzes — mögen dabei mitgewirkt haben.

Nach dem Evangelischen Gottesdienstbuch umfasst der österliche Festkreis den Zeitraum vom 3. Sonntag vor der Passionszeit bis zur Pfingstwoche. Da auch die Sonntage nach Trinitatis — einschließlich der letzten Sonntage des Kirchenjahres — kalendarisch vom Ostertermin abhängen, können auch sie in einem weiteren Sinne dem österlichen Festkreis zugeordnet werden.