„Die Kirche steht und fällt nicht mit der Gestalt, an die wir uns gewöhnt haben. In der Kirche der Zukunft wird die Bereitschaft von Gemeindegliedern, das Leben der Gemeinde aktiv und ehrenamtlich mit zu gestalten, wieder eine größere Rolle spielen.“ Dies betonte der Leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), in seinem Bericht vor der Generalsynode der VELKD am 16. Oktober. Sie tagt bis zum 18. Oktober in Ahrensburg unter dem Thema „Versammelt in Christi Namen – Gemeinde neu denken“. In einer Kirche des „Priestertums aller Getauften“ sollte dies „nicht überraschen oder gar erschrecken“, so der bayerische Landesbischof. Ehrlicherweise müsse man eingestehen, dass die damit einhergehende Konzentration auf die Kernaufgaben zwar in einer gewissen Spannung zu einer sich ausdifferenzierenden Welt stehe. Aber sie „birgt in sich sogar den Vorteil, die Hauptthemen des christlichen Glaubens klarer zur Geltung zu bringen“.
Der Leitende Bischof beklagte, dass die Bedeutung des Glaubens für die alltäglichen Entscheidungen und auch für die gesellschaftlichen Perspektiven abgenommen habe. Welches Potenzial der Glaube an Lebenshilfe in Krisensituationen gerade heute habe, sei vielen Menschen nicht mehr bewusst. Die Vertrautheit mit der Sprache des Glaubens und mit den prägenden Bildern der biblischen Geschichten schwinde. Das „Feuer des Glaubens“ sei bei vielen Menschen klein geworden, bei manchen sogar ganz erloschen. Es sei, als wenn der „Platzregen des Evangeliums“ vorbei gezogen sei und wir in einer Dürrephase lebten. Es erfülle ihn mit Sorge, wenn er daran denke, was die Menschen verlören, wenn Trosttexte wie „Der Herr ist mein Hirte“ oder „Befiehl du deine Wege“ nicht mehr zum Allgemeinwissen gehörten, räumte Landesbischof Friedrich ein. „Wir brauchen in der Gesellschaft wie in den Familien Menschen, die bezeugen, dass ihnen das Wort Gottes etwas bedeutet, dass es ihnen geholfen hat und weiterhin hilft und dass es ihnen Kraft gibt für ihren Lebensalltag.“ Von solchen Leitbildern erhoffe man sich einen Aufschwung in den Gemeinden.
Die evangelische Kirche steht nach den Worten des Leitenden Bischofs der VELKD „vor der Notwendigkeit, die Gestaltungsformen unseres Christseins zu überdenken und Korrekturen vorzunehmen, um unserem Auftrag angesichts veränderter Rahmenbedingungen besser gerecht werden zu können“. Dabei dürfe es weder einen hierarchischen oder bürokratischen Zentralismus geben, der die Bedeutung der Gemeinden schmälere noch dürfe sich die einzelne Gemeinde isolieren. Die Wahrheit des Glaubens vermittele sich primär über persönliche Glaubenszeugen. Deshalb müssten sich kirchliche Reformmodelle daran messen, ob sie die möglichst breite Berührungsfläche mit den Menschen förderten oder gefährdeten.
Hinweis: Der Bericht des Leitenden Bischofs der VELKD kann hier herunter geladen werden.
Ahrensburg, den 16.10.2006
Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) ist ein Zusammenschluss von acht Landeskirchen. Ihr gehören an: Bayern, Braunschweig, Hannover, Mecklenburg, Nordelbien, Sachsen, Schaum¬burg-Lippe und Thüringen. Die VELKD repräsentiert rund 10,4 Millionen Gemeindeglieder. Leitender Bischof ist Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), Landesbischof Hermann Beste (Schwerin) sein Stellvertreter. Dem Lutherischen Kirchenamt in Hannover steht Präsident Dr. Friedrich Hauschildt vor. Einmal jährlich tagt im Oktober die Generalsynode der VELKD. Dieses Gremium umfasst 62 Vertreter aus den Gliedkirchen der VELKD. An der Spitze der Generalsynode steht als Präsident Richter Dirk Veldtrup (Hannover).