Bei der vorherrschenden Praxis der Taufe von Säuglingen fällt der Vollzug der Taufe mit dem Glauben lebensgeschichtlich nicht zusammen. Deshalb sprechen die Eltern bzw. Sorgeberechtigten mit den Patinnen und Paten im Taufgottesdienst das Glaubensbekenntnis und versprechen, das Kind im christlichen Glauben zu erziehen. Doch mit der zurückgehenden oder abgebrochenen christlichen Traditionsbindung ist dieser Zusammenhang im allgemeinen Bewusstsein vielfach aus dem Blick geraten.
Der ursprüngliche Sinn der Taufe ist vielen Menschen nicht mehr klar. Trotzdem wollen Eltern bzw. Sorgeberechtigte ihre Kinder taufen lassen, obwohl ein Elternteil bzw. Sorgeberechtigter einer anderen Religionsgemeinschaft angehört oder konfessionslos ist. Selbst Nichtchristen möchten ihre Kinder zur Taufe bringen oder Patinnen und Paten sein. Insgesamt ist die Selbstverständlichkeit der Kindertaufe zurückgegangen. Deshalb sieht es die Kirche als ihre dringende missionarische Aufgabe an, auf die Bedeutung der Taufe hinzuweisen und zu ihr einzuladen.
Die evangelisch-lutherische Kirche tritt entschieden für die Säuglingstaufe ein. Die meisten Eltern bringen weiterhin kleine Kinder zur Taufe. Sie haben unterschiedliche Gründe dafür. Viele von ihnen wollen, dass ihre Kinder unter Gottes Schutz und Segen leben und in die Tradition hineinwachsen, in der sie selber stehen. Anderen liegt daran, ihre Freude über den Beginn des jungen Lebens durch eine schöne Feier zu unterstreichen. Manchen Eltern fällt es schwer, darzustellen, warum sie ihr Kind taufen lassen wollen; häufig steht hinter ihrem Wunsch die Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Lebens. Andere Eltern schieben die Taufe ihrer Kinder auf. Manche tun das, um ihnen selbst die Entscheidung zu überlassen, wenn sie das entsprechende Alter erreicht haben, andere machen Glaubensgründe dafür geltend. Die Kirche ist aus gutem Grund zurückhaltend, die Ehrlichkeit der Bitte um die Taufe, wann immer sie vorgetragen wird, zu bezweifeln.
Als Folge der abbrechenden Traditionsbindung mancher Eltern ist die Taufe teilweise aus dem Blick geraten. So kommt es immer häufiger auch zu Taufen von Kindern im Kindergarten- und Grundschulalter, von Jugendlichen und Erwachsenen. Sie haben in den Gemeinden inzwischen eine große Akzeptanz gefunden. Trotzdem können sich viele Menschen nicht zur Taufe entschließen, obgleich sie die Arbeit der Kirche als wichtig empfinden und sie sogar oftmals selbst unterstützen. Um die in der Taufe geschenkte Gabe erfahrbar und verstehbar zu machen und die Bedeutung der Erfahrung von Gemeinschaft für den Glauben herauszustellen, gestalten die Gemeinden die Taufgottesdienste mit großer Aufmerksamkeit. Auch Tauferinnerungsgottesdienste dienen diesem Ziel.
Wer aufgrund der Entscheidung seiner Eltern getauft wurde, steht vor der Aufgabe, ein persönliches Verhältnis zum christlichen Glauben zu finden. Ein Weg dazu kann sein, immer wieder einmal das Taufgedächtnis zu feiern. Anregungen finden sich in der Handreichung der VELKD "Die Feier des Taufgedächtnisses". Manchen gelingt dies nicht, und sie treten später aus der Kirche aus. Damit entfallen zwar alle Rechte und Pflichten der Kirchenzugehörigkeit, aber die Möglichkeit der Rückkehr zur Kirche steht jederzeit offen. Die Taufe bleibt gültig und wird nicht wiederholt. Andere sind weiterhin Mitglied der Kirche, können aber keinen inneren Zugang zu ihrer Verkündigung finden. Sie möchten nicht aufgeben, was ihnen als Kind mitgegeben wurde.
Menschen, die bewusst in der Kirche leben, sehen in der Taufe ein sichtbares Zeichen der Zuwendung Gottes, an das sie anknüpfen und an dem sie ihr Leben ausrichten können. Für sie ist die in der Taufe begründete Zugehörigkeit zur Kirche Freude und Verpflichtung.
(Textauszug aus den "Leitlinien kirchlichen Lebens")