Welche Probleme sich hier auftun, wird auch daran deutlich, dass man dem alten Evangelium Lk 19,41-48 im Evangelischen Gottesdienstbuch jetzt einen zweiten, alternativen Text beigesellt hat (Mk 12,28- 34): Der Schriftgelehrte, der das Schema mit dem Gebot der Nächstenliebe (3 Mose 19,18) verbindet, ist nach Jesu Worten »nicht fern vom Reich Gottes«. Hier soll — so nehme ich an — der gemeinsame Glaubensursprung und Glaubensgrund, auch das gemeinsame Glaubensziel herausgestellt werden.
Im alten Evangelium weint Jesu über die von ihm vorausgeschaute Zerstörung Jerusalems und deutet sie als Folge mangelnder ›Erkenntnis‹ der ›Zeit‹ (V. 42 und 44). Das muss keineswegs gegen Israel ausgelegt werden — die Tränen Jesu sind ein Zeichen seiner Liebe zu seinem Volk, und die Kirche war oft genug in ihrer Geschichte blind auf beiden Augen, wenn es darum ging, die Zeichen zur Kenntnis zu nehmen, die Gott in die ›Zeit‹ hineinschrieb. Auch Paulus (in der Epistel Röm 9,1-5.6-8.14-16) trägt »große Traurigkeit und Schmerzen« in seinen Herzen, wenn er an seine »Brüder« denkt; denn Israel gehört — und das bleibend (V. 6) — »die Kindschaft ... und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen«.
Die alttestamentliche Lesung 2 Mose 19,1-6 bekräftigt diese Aussage und gibt ihr einen Ort in der Geschichte des Volkes: »...so sollt ihr mein Eigentum sein vor allen Völkern«. Die Tagesgebete bemühen sich um eine Beschreibung des Verhältnisses von Juden und Christen, die dieser Aussage gerecht wird. Das dritte Gebet richtet dabei den Blick nach vorne, in die Zukunft Gottes: »Stärke unser Verlangen nach deinem Reich, in dem beide, Juden und Christen, vereint sein werden, dich zu loben in Ewigkeit.«
Statt der hier genannten Texte können auch die Texte des Gottesdienstes zum Thema ›Christen und Juden‹ (im EGb S. 450f.) genommen werden.
Liturgische Farbe: grün
Evangelium: Lk 19,41-48
Predigt: Röm 11,25-32
Wochenlied: Gott der Vater steh uns bei (EG 138)
Ewiger Gott,
du unser Gott und Gott Israels.
Du bist deinen Verheißungen treu.
Du bleibst unerschütterlich bei denen, die du erwählt hast.
Voller Hoffnung beten wir zu dir:
Für das Miteinander aller, denen deine Verheißung gilt.
Für Juden und Christen.
Schenke Versöhnung in allem Leid aus der Vergangenheit.
Gib Vergebung in allem gegenwärtigen Versagen aneinander.
Erbarme dich, ewiger Gott!
Für den Staat Israel und alle, die in diesem Jahr voller Dankbarkeit sein 60jähriges Bestehen feiern.
Für seine Bewohnerinnen und Bewohner, seine Nachbarn und Bedränger.
Gib Frieden.
Verbanne die Gewalt.
Erbarme dich, ewiger Gott!
Für deine Kirche,
schenke ihr Einheit.
Bewahre unsere anglikanischen Schwestern und Brüder.
Sei mit deinem heiligen Geist in ihrem Ringen um Gemeinschaft.
Begleite alle Gemeinden in ihrem Suchen, darum dir glaubwürdig zu dienen.
Stärke alle Christinnen und Christen in Not.
Erbarme dich, ewiger Gott!
Für die Flüchtlinge, die Tod und Elend entgehen wollen.
Öffne ihnen Türen und Herzen,
lass sie Aufnahme und ein Leben ohne Angst finden.
Für alle Verschleppten und Entführten,
lass sie Freiheit finden und in ein Leben in Frieden zurückkehren.
Für die Kranken und die, die sich um sie sorgen.
Für unsere Verstorbenen,
halte sie in deinen barmherzigen Händen.
Erbarme dich, ewiger Gott!
Für uns,
für alle, die uns lieb sind,
schenke uns in diesen sommerlichen Tagen deinen Segen.
Deiner Verheißung trauen wir.
Auf deine Treue hoffen wir.
Erbarme dich, ewiger Gott!
Amen.
Ach Gott,
was tun wir nur gegen die Tränen?
Wie lange sollen wir noch abwarten,
bis du sie trocknest?
Wir können es nicht begreifen,
warum es kein Ende nimmt.
Immer wieder wächst neuer Hass.
Kaum schöpfen wir Hoffnung,
flammen Zorn und Wut von neuem auf.
Wir zerstören, was doch heil sein sollte.
Hab Erbarmen, Gott.
Wir spüren die Qualen, die Hass zufügt.
Wir sehen die Wunden, die vor einem Menschenalter geschlagen wurden
und niemals richtig vernarbten.
Wie können wir trotz allem hoffen?
Wie können wir die Schmerzen lindern,
wenn sich die Erinnerung in die nächtlichen Albträume flüchtet?
Du allein kannst helfen.
Nur du, Gott!
Hab Erbarmen.
Wir hoffen auf Frieden
in deinem heiligen Land,
Frieden zwischen den Völkern und zwischen den Religionen.
Wir hoffen auf gegenseitiges Verstehen
zwischen Israelis und Palästinensern,
zwischen Juden, Christen, Muslimen.
Willst du uns nicht die Sprache des Friedens lehren?
Verschließe doch die Lippen, die Böses sagen.
Verwandle die Verachtung der anderen in Respekt füreinander.
Kannst du nicht den Hass aus den Herzen herausreißen
und stattdessen deinen Geist einpflanzen?
Hab Erbarmen, Gott.
Wann wird Leid, Geschrei und Schmerz endlich aufhören?
Wann wirst du die Tränen von unseren Augen trocknen?
Komm, hab Erbarmen, Gott!
Amen.
Einführende Informationen zum Wochengebet