Suche nach Leben - Gottesdienst
Biblische Grundlagen und theologische Orientierung
Im Gottesdienst stimmt die christliche Gemeinde in das Gotteslob des Volkes Israel ein (
Röm 15,8-12). Sie ist die Gemeinschaft der Menschen, die Gott durch Jesus Christus am jeweiligen Ort sowie im Sinne einer weltweiten Gemeinschaft zusammengerufen hat. Sie bildet die Gemeinschaft der Glaubenden ab, in der Jesus Christus in der Kraft des Heiligen Geistes gegenwärtig ist. Die Gemeinde hat ihr Wesen darin und lebt daraus, dass sie sich regelmäßig versammelt, um Gottes Wort zu hören und zu verkündigen, ihn zu bekennen und die Sakramente zu feiern, mit Worten, Psalmen und Liedern Lob und Dank zu sagen, Schuld einzugestehen und Anliegen im Gebet vor Gott zu bringen (vgl.
Apg 2,42;
1 Tim 2,1; Augsburger Bekenntnis Artikel 7).
In dem in seiner Grundform so beschriebenen Gottesdienst begegnen wir Gottes heilschaffender Gegenwart und vergewissern uns seiner erhaltenden Kraft; er kann zum Ort der Feier und der Freude, der Besinnung und Hingabe, aber auch zum Ort der Trauer und Klage werden. Hier erfährt die christliche Gemeinde in der Predigt das Erlösungshandeln Christi als ihren Lebensgrund. Sie feiert in der Taufe glaubend die An- und Aufnahme ihrer neuen Glieder (
1 Kor 12,12). Im Abendmahl wird sie immer neu als Gemeinde des Herrn konstituiert (
1 Kor 10,16). Durch den Zuspruch von Gottes Segen weiß sie sich in den Alltag begleitet und zugleich zum Glaubenszeugnis und Dienst in die Welt gesandt (
Mt 28,19). Damit bildet der Gottesdienst die Mitte des christlichen Lebens. Er ist Rückhalt für den Einzelnen, der sich jederzeit und überall an Gott halten und nach seinem Willen richten soll. Ein solches Leben nennt Paulus unseren vernünftigen Gottesdienst (
Röm 12,1). Der Gottesdienst ist von seinem Wesen her also zunächst Versammlung, Feier und Zeugnis der glaubenden und getauften Gemeinde. Dieses Zeugnis von Gottes Heilswillen gilt allen Menschen (
1 Tim 2,4-6;
Tit 2,11); deshalb muss es öffentlich geschehen. Damit sind auch Nichtglaubende und Nichtgetaufte eingeladen, von Gottes Anspruch auf den Menschen zu hören und von seiner Annahme in Liebe und Vergebung zu erfahren.
Paulus schreibt, dass der Glaube nicht von selbst entsteht, sondern aus der Verkündigung kommt. Diese speist sich aus der Fülle der biblischen Botschaft von Hebräischer Bibel und Neuem Testament. Deshalb ist darin auch die Verbundenheit der Kirche mit Israel zum Ausdruck zu bringen. Doch darf die jüdische Tradition dabei nicht vereinnahmt werden. Es ist deutlich zu machen, »dass das ›Wir‹ Israels nicht deckungsgleich ist mit dem ›Wir‹ der Kirche. Auch ist darauf zu achten, dass das jüdische Verständnis nicht verdeckt oder gegen seinen Sinn ausgelegt wird« (»Christen und Juden III. Schritte der Erneuerung im Verhältnis zum Judentum. Eine Studie der Evangelischen Kirche in Deutschland«, 2000).
Die christliche Gemeinde feiert den ersten Tag der jüdischen Woche als Tag der Auferstehung Jesu Christi (
Mk 16,2). Bei uns ist das heute der Sonntag. Dieser Tag verweist damit sowohl auf den Beginn der Schöpfung der Welt (
Gen 1,3-5) wie auch auf den Beginn der neuen Schöpfung, die in der Auferstehung Jesu ihren Anfang genommen hat (
2 Kor 5,17) und auf die Vollendung bei seiner Wiederkunft wartet (
Röm 8,23). Das Neue Testament berichtet, dass der Herr am Tag seiner Auferstehung seinen Jüngern erschien (
Lk 24,13) und von ihnen im Schriftauslegen und beim Brotbrechen erkannt wurde (
Lk 24,30-32). Seither hat sich die christliche Gemeinde an diesem Tag unter Wort und Sakrament versammelt (
Apg 20,7). Diese Versammlungen fanden am Anfang abends statt (vgl.
Apg 20,7), da für eine sonntägliche Arbeitsruhe zunächst keine gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vorhanden waren. Stattdessen galt der siebente Tag der Woche, der Sabbat, als Ruhetag sowohl für Juden als auch für Christen. Erst später ist die Feier der Auferstehung des Herrn mit dem biblischen Sabbatgebot (
Ex 20,8-10) so verbunden worden, dass der Sonntag nun auch zum Ruhetag des Neuen Bundes wurde. Christinnen und Christen halten an diesem Tag inne, um das Geschenk der Ruhe anzunehmen, der Überwindung von Sünde und Tod in der Auferstehung Christi zu gedenken, Gott als den Schöpfer, Erhalter und Vollender der Welt zu preisen und ihn für das Heil aller Menschen zu bitten.
Im Gottesdienst wird die Gegenwart Gottes gefeiert und auf dem Weg in die von Gott verheißene Zukunft nicht nur neue Lebenswirklichkeit angeboten und erprobt (
Röm 6,4), sondern auch an die vergangene Geschichte Gottes mit den Menschen erinnert. In sie sind wir mit hineingenommen, hier finden wir den Anfang und Grund unseres Hoffens und von hier aus können unsere eigenen Lebenserfahrungen wiedererkannt und z. B. bei Amtshandlungen zu besonderen Anlässen gedeutet werden. Für diese Gottesdienste gilt wie für jeden anderen Gottesdienst: Er sollte in seinen Hauptbestandteilen erkennbar sein, kann jedoch in einzelnen Elementen je nach Lebenssituation akzentuiert bzw. verändert werden. Die großen Feste des Kirchenjahres sind in besonderer Weise an der Christusgeschichte orientiert. Sie vergegenwärtigen, was Gott durch seinen Sohn für uns getan hat, auch jetzt tut und noch tun will. Sie laden uns zum Mitfeiern und zur Aneignung dieses Heilsgeschehens ein.
(Textauszug aus den "Leitlinien kirchlichen Lebens")