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Pressemitteilung

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Der Glaube ist keine Privatsache

Landesbischof Frank Otfried July (Stuttgart) betont in den "VELKD-Informationen" gesellschaftliche Mitverantwortung der Kirche – Eintreten für Benachteiligte gefordert – Plädoyer für evangelisches Selbstbewusstsein
Hannover, 11. Dezember 2006

Hannover – Der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Württemberg, Frank Otfried July (Stuttgart), hat der Auffassung von immer mehr Kirchenmitgliedern widersprochen, dass der Gottesdienstbesuch für ihren Glauben nicht nötig sei. In einem vorab veröffentlichten Beitrag der "VELKD-Informationen" (Ausgabe vom 12. Dezember) schreibt July, Glaube und Kirche brauchten einander. "Weil die Kirche vom Gemeinschaftsgedanken bestimmt ist, darum kann der Glaube keine Privatsache sein." Der Gemeinschaftsgedanke bedeute ferner, dass die Kirche auch in Zukunft "gesellschaftliche Mitverantwortung" habe. Sie und ihre Mitglieder seien Teil der Gesellschaft und mischten sich produktiv zum Beispiel dort ein, wo Menschen benachteiligt würden. Ausdrücklich bejaht Landesbischof July das Erscheinungsbild einer vielgestaltigen evangelischen Kirche. Pluralismus sei gleichsam etwas Urprotestantisches. Es komme jedoch darauf an, in der Pluralität unverwechselbar zu sein. Dabei gehe es um ein "evangelisches Selbstbewusstsein, das sich insbesondere in der Begegnung mit anderen Konfessionen und Religionen zeigt und sich ihnen gegenüber als tolerant erweist". Er stelle sich eine evangelische Kirche vor, "die sich von den konkreten, empirischen und sich verändernden Wahrnehmungen kirchlichen wie gesellschaftlichen Lebens und Handelns nicht irritieren lässt, sondern die unbeirrt, jedoch flexibel ihren Weg weiter geht und dabei neue Perspektiven entwirft".

Hannover, 11. Dezember 2006


Der vollständige Wortlaut des Beitrags:

Der Glaube ist keine Privatsache

Die Kirche muss unbeirrt und zugleich flexibel ihren Weg gehen und dabei neue Perspektiven entwerfen

Frank Otfried July

Wer in diesen Tagen, also im Jahr 2006, geboren wird und in einer evangelischen Familie aufwächst, feiert im Jahr 2020 wahrscheinlich Konfirmation. Mit welcher Kirche ist dieser junge Mensch dann in Berührung gekommen? Wurde er als Kind getauft? Haben Eltern oder andere Bezugspersonen ihm von Gott erzählt und von Jesus, der rückhaltlos für andere da war? Hat er einen kirchlichen Kindergarten und später dann evangelischen Religionsunterricht besucht? Wenn er eine Kirche betritt, wird ihm dann das Symbol des Kreuzes irgend etwas sagen? Oder nichts von alledem?

Wir wissen, wie wichtig gerade die Kindheit für die Ausbildung einer Kirchenbindung ist. Was Eltern, Großeltern und andere Bezugspersonen an Glauben und Gottvertrauen vermitteln, ist unersetzlich. Aber allein von christlich motivierten Individuen ist das nicht zu leisten. Sie brauchen die Institution Kirche, die ihnen Räume und Gelegenheiten dafür anbietet, ihren persönlichen Glauben in der Gemeinschaft und in der Auseinandersetzung mit anderen zu pflegen, zu nähren und zu bilden. Kirche ist gefragt, Präsenz in der Gesellschaft zu zeigen, um im Alltag für die Einzelnen greifbar und erlebbar zu sein – als ein Ort des Glaubens. Nur so nehmen Menschen Kirche wahr und erfahren dadurch, was das Evangelium für sie bedeutet.

Natürlich können wir nicht genau wissen, wie stark die Präsenz der Kirchen und die Prägekraft christlichen Glaubens in 14 Jahren sein werden. Wir wissen auch nicht genau, wie sich unsere Gesellschaft bis dahin verändert hat. Dennoch mache ich mir Gedanken darüber, womit sich die Kirchen im Jahr 2020 und in den Jahren bis dahin beschäftigen, was ihre Aufgaben sind, wofür sie sich einsetzen, wenn sie ihrem Auftrag, Kirche des Wortes Gottes zu sein, entsprechen möchten.

Die Frage nach der Kirche im Jahr 2020 stellt sich mir in einer Situation, die schon seit geraumer Zeit auch durch Sorgen und Probleme um die Zukunft der Kirche charakterisiert ist. Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt ab, der Altersdurchschnitt der Mitglieder steigt dafür an. Die Kirche wird nach wie vor von der überwiegenden Mehrheit ihrer Mitglieder als Institution akzeptiert. Sie soll die ihr traditionell zugeschriebenen Aufgaben erfüllen, nämlich Gottesdienste abhalten, Menschen an wichtigen Lebenspunkten begleiten und sich diakonisch betätigen. Diese Erwartungen korrespondieren allerdings nicht oder kaum mit einer aktiven Partizipation am kirchlichen Leben. Viele leben ihren Glauben am liebsten ohne Kirche. Oder sie schreiben der Kirche keine Kompetenz in den Fragen zu, die sie persönlich bedrängen. Hierzu zählt z.B. der gesamte Bereich der Arbeitswelt. Auch die Stimme der Kirchen in der Politik wird nicht an jedem Ort in unserem Land für gleich bedeutend gehalten.

Die Zugehörigkeit zur Kirche und der Beitrag der Kirche zu gegenwärtig aktuellen Fragen besitzt nahezu keine gesellschaftliche Relevanz mehr. So hat dies jetzt die vierte Mitgliedschaftsuntersuchung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) "Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge" analysiert.

Dazu treten die Finanznöte, die zu massiven Umstrukturierungen zwingen. Der Ruf nach Konzentration auf das Wesentliche wird laut. Gleichzeitig erlebe ich aber, wie sich im Kontext der Pluralisierung der Lebenswelten und Weltsichten die Erwartungen an die kirchlichen Angebote immer stärker ausdifferenzieren. Angesichts dessen, dass unser christlicher Glaube an Relevanz verliert und die Kirchenbindung vieler Kirchenmitglieder sich enorm gelockert hat, entwickeln viele Kirchengemeinden und mit ihnen die Pfarrerinnen und Pfarrer mit Erfolg neue Ideen, wie sie das Evangelium unter die Menschen bringen können. Und dann erleben sie, wie ihnen aufgrund knapper Ressourcen der Boden ihrer Arbeit buchstäblich unter den Füßen wegbricht. Gleiches gilt für die funktionalen kirchlichen Arbeitsfelder. Es wäre jedoch fatal, wenn kirchliches Handeln seine primäre Aufgabe nur noch darin sehen würde, Krisen zu managen. Zahlen, Tabellen, Hochrechnungen und Haushaltslöcher dürfen nicht den Platz einnehmen, der Schrift und Bekenntnis sowie deren Reflexion und Auslegung gebührt.

Wenn ich in dieser Situation nach einer Vision für die Kirche im Jahr 2020 gefragt werde, so möchte ich damit keine Utopien formulieren, die zwar schön und begeisternd, aber vollkommen realitätsfern sind. Auch soll nicht der Eindruck entstehen, als würde die Zukunft unserer Kirche von Programmen abhängen, die wir Menschen uns für die Kirche ausdenken, so verständlich und antiresignativ auch der Ruf nach einem neuen Leitbild für die Kirche ist. Doch natürlich habe auch ich eine Vision. Meine Vision und zugleich meine Hoffnung bestehen darin, dass es der Kirche auch in Zukunft gelingen möge, sich stark, deutlich und klar theologisch zu orientieren und somit sprachfähig zu sein und im Blick auf die sich verändernde Welt. Die Kirche, die ich mir vorstelle, ist sich dessen bewusst, dass sie sich nicht selbst mit der Verkündigung des Evangeliums beauftragt hat, dass sie in ihren Gottesdiensten nicht sich selbst feiert, sondern den dreieinigen Gott. Sie versucht, in all ihrem Tun dem von Gott erhaltenen Auftrag, dem sie sich verdankt, zu entsprechen: Sie möchte den Menschen die heilende Nähe Gottes zusprechen, die er uns in Jesus Christus gezeigt hat. Dabei ist sie grundsätzlich und von ihren Anfängen an von dem Gedanken der Gemeinschaft bestimmt.

Ein biblisches Bild, das diese Kirchentheologie dynamisch zum Ausdruck bringt, finde ich in 1. Petrus 2,4ff: Die Kirche als ein geistliches Haus vieler einzelner lebendiger Steine, das Jesus Christus zum Eckstein hat.

Weil Kirche vom Gemeinschaftsgedanken bestimmt ist, darum kann der Glaube keine Privatsache sein. Auch wenn immer mehr Kirchenmitglieder davon ausgehen, dass sie für ihren Glauben den Gottesdienstbesuch gar nicht nötig haben, ist hier deutlich zu widersprechen. Glaube und Kirche brauchen sich gegenseitig, auch in Zukunft. Der Glaube ist auf Gemeinschaft angewiesen. Nur gemeinsam bilden die lebendigen Steine die Kirche.

Der Gemeinschaftsgedanke bedeutet ferner, dass die Kirche auch in Zukunft gesellschaftliche Mitverantwortung hat. Sie und ihre Mitglieder sind Teil der Gesellschaft. Sie mischen sich produktiv z.B. da ein, wo Menschen benachteiligt werden. Sie fordern durch ihre Interpretation des Evangeliums zu einem Diskurs über das Verständnis der Wirklichkeit auf. Sie bringen sich in die Wertediskussion dezidiert christlich ein. Sie zeigen Solidarität mit den so genannten Verlierern. Sie machen sich die Aufgaben der Diakonie und der Bildung zu Eigen.

Eine Kirche, die vom Gemeinschaftsgedanken bestimmt ist, ist eine vielgestaltige Kirche. Pluralismus ist gleichsam etwas Urprotestantisches, existiert der Protestantismus doch in mehreren reformatorischen Kirchen. Die Kirchen müssen jedoch darauf Acht haben, dass sie in der Pluralität unverwechselbar sind. Es geht um ein evangelisches Selbstbewusstsein, das sich insbesondere in der Begegnung mit anderen Konfessionen und Religionen zeigt und sich ihnen gegenüber als tolerant erweist. In diesem Zusammenhang hoffe ich, dass sich unsere Kirche an einem gelingenden Dialog der Religionen beteiligt, der die Wahrheitsfrage gerade nicht ausklammert. Das bedeutet, dass die christliche Kirche im Dialog mit anderen Religionen ihren christlichen Blickwinkel als Maßstab bewusst beibehält. Sie setzt sich zugleich für Religionsfreiheit ein und erwartet, dass Übertritte in alle Richtungen akzeptiert werden, ohne dass die betroffenen Menschen dadurch Nachteile erleiden. Wo Menschen sich der Missio Dei (Mission Gottes) verschließen, da werden wir sie ziehen lassen müssen wie einst Jesus den reichen Jüngling (Markus 10,17-27).

Ich stelle mir eine Kirche vor, die sich von den konkreten, empirischen und sich verändernden Wahrnehmungen kirchlichen wie gesellschaftlichen Lebens und Handelns nicht irritieren lässt, sondern die unbeirrt, jedoch flexibel ihren Weg weiter geht und dabei neue Perspektiven entwirft. Das bedeutet nicht, dass die Kirche auf alles immer eine Antwort hätte. Es bedeutet vielmehr, dass sie weiß, von welchem Standpunkt aus sie den Menschen und den Herausforderungen begegnet: vom Glauben an den dreieinigen Gott her, der die Beziehung zu den Menschen will.

Hannover, den 11.12.2006


Hannover,