Weber würdigte den lutherisch/römisch-katholischen Dialog, der seit den siebziger Jahren zahlreiche Dialogergebnisse hervor gebracht habe. Damit sei eine Basis geschaffen worden, auf die man aufbauen könne. Zugleich bestehe aber die Gefahr, zuerst den Überblick und dann die Kenntnis im Einzelnen zu verlieren. Ursache hierfür sei, dass es – mit Ausnahme der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre zwischen dem Lutherischem Weltbund und der römisch-katholischen Kirche von 1999 – „keine geordnete Rezeption“ gegeben habe.
In seinem Catholica-Bericht betonte der Braunschweiger Landesbischof gleichwohl, dass die ökumenische Bewegung „gegenwärtig und künftig gute Chancen“ habe, „wenn wir sie nicht behindern, indem unseren Kirchen zu wenig zugetraut und zugemutet wird oder indem die Beteiligten versuchen, die jeweils andere Seite nach ihrem Bild zu gestalten“. Alle ökumenische Arbeit habe nicht nur die Verheißung und den Auftrag Jesu für sich, sondern auch die tiefe Einsicht, dass Gott mehr gewirkt habe und wirke, als eine Tradition oder Konfession aufgenommen habe oder ihm schon hinreichend Raum gebe. „Diese Einsicht lehrt uns, das eigene Glaubensgut im Zusammenhang der weltweiten Christenheit zu sehen, neu zu sehen und das ökumenische Potenzial zu entdecken.“ Neben einer „Ökumene der Profile“ sei es sinnvoll, auch von einer „Ökumene des Lebens“ zu sprechen, um die Arbeit der Gemeinden vor Ort in den Blick zu nehmen.
Über die Verlautbarungen von Papst Benedikt XVI. sagte Weber, es sei klar, dass dieser zuerst von seinem System her denke und spreche. „Eigentlich brauchte die ökumenische Arbeit Gedanken, die die Gefangenschaft aller in ihren traditionellen Systemen durchbrechen.“ Dies gelte auch für die evangelische Seite, so Landesbischof Weber. Benedikt XVI. warf er eine „mangelnde Wahrnehmung der reformatorischen Kirchen in Deutschland vor“ und bezeichnete dies als eine „ökumenische Hürde“. Äußerungen des Papstes ließen die Vermutung zu, dass es auch einen Mangel an Kenntnis über Lehre und Leben unserer Kirchen gebe. Dies sei aber keine hinreichende Basis für einen fruchtbaren und ergebnisorientierten Dialog. Es sei zu fragen, ob manche Aussage eine bewusste Abwertung der evangelischen Kirchen in dem Sinne sei, „dass wir keine ernst zu nehmenden Partner in der einen Kirche Jesu Christi wären“. Damit habe der Papst unnötig Irritationen ausgelöst. Freilich ergebe sich für die evangelische Seite eine Aufgabe, die bislang nicht ausreichend wahrgenommen worden sei. Unsere Kirchen und Theologischen Fakultäten müssten nach Ansicht des Catholoica-Beauftragten, mehr darauf bedacht sein, Rom zu vermitteln, was das Zentrum evangelischen Glaubens sei, „was uns heilig ist und wie in unseren Kirchen verbindliches Lehren zustande kommt“.
Beim Besuch des Papstes in Bayern vor wenigen Wochen sei es nicht zu ökumenischen Fortschritten gekommen, bedauerte Weber. Dabei kenne Benedikt XVI. die Situation in Deutschland, die sich für die Menschen aus der Trennung der beiden Konfessionen ergebe. „Das große Problem besteht nicht nur für die einzelnen konfessionsverschiedenen Familien, ihren christlichen Glauben in der Praxis zu gestalten. Es ist zunehmend auch ein Problem für die Kirchen, nämlich dann, wenn diese Menschen keine Erwartungen mehr an ihre Kirchen haben und sie deshalb einfach verlassen.“ Er erwarte vom Papst „einen kräftigen Impuls“, in dieser Frage zu einer Lösung zu kommen.
Hinweis: Der Bericht des Catholica-Beauftragten kann hier herunter geladen werden.
Ahrensburg, den 17.10.2006
Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands (VELKD) ist ein Zusammenschluss von acht Landeskirchen. Ihr gehören an: Bayern, Braunschweig, Hannover, Mecklenburg, Nordelbien, Sachsen, Schaum¬burg-Lippe und Thüringen. Die VELKD repräsentiert rund 10,4 Millionen Gemeindeglieder. Leitender Bischof ist Landesbischof Dr. Johannes Friedrich (München), Landesbischof Hermann Beste (Schwerin) sein Stellvertreter. Dem Lutherischen Kirchenamt in Hannover steht Präsident Dr. Friedrich Hauschildt vor. Einmal jährlich tagt im Oktober die Generalsynode der VELKD. Dieses Gremium umfasst 62 Vertreter aus den Gliedkirchen der VELKD. An der Spitze der Generalsynode steht als Präsident Richter Dirk Veldtrup (Hannover).