Pressestelle
Tel.: 0511 / 27 96 - 526
Fax: 0511 / 27 96 - 182
„Anlass zu großer Sorge“ bestehe, so Noko, dass weltweit rund 3,5 der 66,7 Millionen Lutheraner Kirchen angehörten, die nicht Mitglied im Lutherischen Weltbund seien. „Diese Situation untergräbt das gemeinsame lutherische Zeugnis in der Welt sowie die lutherische ökumenische Arbeit.“
Positiv bewertete Dr. Noko den Dialog mit der römisch-katholischen Kirche. Die Rezeption der 1999 bestätigten Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre komme voran. Fortschritte erwarte er auch im Gespräch des LWB mit den anglikanischen und orthodoxen Kirchen.
Das Interview im Wortlaut
Frage: Herr Dr. Noko, der Lutherische Weltbund wird 60 Jahre alt – ein Grund zum Feiern?
Ishmael Noko: Ja, wir haben allen Grund zu feiern. Zunächst gibt uns das Jubiläum Anlass, Gott dafür zu danken, dass er unsere Vorfahren dazu ermutigte, alle Hindernisse zu überwinden, die der Vollversammlung vor 60 Jahren im Wege standen. Geografische Distanz und Fragen der Lehre hatten die beteiligten Kirchen über 400 Jahre voneinander und auch von anderen Christinnen und Christen getrennt. Weiterhin danken wir Gott, dass er diese ursprünglich auf Europa und Nordamerika konzentrierte kirchliche Bewegung in eine globale Gemeinschaft hat hineinwachsen lassen.
Frage: Sie kehren anlässlich des 60-jährigen Bestehens an den Ort der Gründung nach Lund zurück und veranstalten eine Konferenz von Kirchenleiterinnen und -leitern. Was möchten Sie damit erreichen?
Ishmael Noko: Ich erhoffe mir, dass wir die lutherische Identität weiterentwickeln und stärken können, um der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche willen, von der die lutherische Kirchengemeinschaft nicht zu trennen ist. Wir haben die Hälfte des Weges zwischen der Zehnten LWB-Vollversammlung 2003 und der Elften Vollversammlung, die 2010 stattfinden wird, zurückgelegt. Unsere Tagung bietet den Mitgliedskirchen eine gute Gelegenheit, mit dem Rat über sehr wichtige Fragen nachzudenken, die sich inzwischen ergeben haben und das Leben des Weltbundes betreffen. Zu den aktuellen Themen gehören: Ehe, Familie und Sexualität sowie das Amt der episkopé innerhalb der Apostolizität der Kirche.
Wir tagen in Europa und ich meine, dies ist eine gute Gelegenheit für die Teilnehmenden aus anderen Regionen, sich bewusst zu machen, dass diese Region nicht nur ein bedeutender politischer und wirtschaftlicher Raum ist, sondern auch ökumenisch grosse Bedeutung hat. Für uns, die wir von ausserhalb Europas kommen, ist von entscheidender Bedeutung, dass wir die Herausforderungen kennen lernen, mit denen Europa gegenwärtig konfrontiert ist, beispielsweise im Bereich Erweiterung und Integration. So haben wir den ehemaligen finnischen Präsidenten Martti Ahtisaari eingeladen, vor den Teilnehmenden der LWB-Ratstagung sowie der Kirchenleiter- und -leiterinnenkonsultation über die Rolle Europas zu referieren. Weiterhin hoffen wir auf offene und transparente Diskussionen zur Position der Frauen in den Kirchen der lutherischen Communio.
In einer feierlichen Zeremonie soll die Leitungsverantwortung von den Ältesten, die vor 60 Jahren in Lund dabei waren, auf die teilnehmenden Jugendvertreter und -vertreterinnen übertragen. Mit diesem bedeutsamen Ritual wird die Rolle der jungen Generation bei der Leitung der lutherischen Kirchengemeinschaft gewürdigt. Weiterhin wird der Rat Entscheidungen über das Thema der Elften Vollversammlung sowie über die Kriterien zur Auswahl der Delegierten zur nächsten Vollversammlung treffen.
Vor kurzem hat der Rat durch sein Exekutivkomitee einen LWB-Erneuerungsausschuss eingesetzt, der die Diskussion über die Zukunft des LWB im Kontext der ökumenischen Neugestaltung innerhalb der Kirchengemeinschaft lenken soll. Bei einer Neugestaltung der gesamten ökumenischen Bewegung geht es nicht nur um die Strukturen der verschiedenen Organisationen und ihrer Arbeit, sondern auch um ihr jeweiliges theologisches Selbstverständnis und Profil angesichts der vielfältigen Kontexte, Bedürfnisse und Herausforderungen der Gegenwart. Eine „Erneuerung“ des LWB würde daher unter anderem die folgenden Aspekte umfassen: finanzielle Tragfähigkeit für die Zukunft; LWB-Verfassung; die Leitungsgremien, ihre Grösse und Zusammensetzung; Standort und Grösse des Genfer Sekretariats; die Rolle von regionalen und subregionalen Büros. Auch die zeitliche Abfolge, Grösse und Beziehung zwischen den Vollversammlungen des LWB und jenen von ÖRK und Reformiertem Weltbund wird zu diskutieren sein.
Frage: Das Thema der vorausgehenden Ratstagung lautet: „Gemeinschaft leben in der Welt von heute“. Was sind die Herausforderungen, vor denen die lutherische Weltgemeinschaft heute steht?
Eine Herausforderung stellt die Einheit unter Lutheranerinnen und Lutheranern dar. In der lutherischen Gemeinschaft gibt es Kirchen, mit denen der LWB keine Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft hat. Das gibt uns Anlass zu grosser Sorge – mehr als 3,5 Millionen Lutheraner und Lutheranerinnen gehören Kirchen an, die nicht Mitglieder des LWB sind. Diese Situation untergräbt das gemeinsame lutherische Zeugnis in der Welt sowie die lutherische ökumenische Arbeit.
Frage: 2010 findet die nächste Vollversammlung in Deutschland statt. Welche Erwartungen haben Sie an die lutherischen Kirchen dort?
Ishmael Noko: Zunächst einmal haben nun die deutschen Lutheranerinnen und Lutheraner 58 Jahre nach der Vollversammlung in Hannover 1952 erneut die Gelegenheit, Gastgebende einer LWB-Vollversammlung zu sein. Ich hoffe, dass die Kirchen in Deutschland ihren Schwesterkirchen aus aller Welt zeigen, wie sich das Luthertum im Land der Reformation fortwährend theologisch und ekklesiologisch mit in dem von raschem Wandel geprägten Europa entstehenden neuen Fragen auseinandersetzt. Im Deutschland und im Europa der Gegenwart gibt es neue ethnische Kirchen mit asiatischem, afrikanischem und lateinamerikanischem Ursprung. Daher stellt sich die Frage, was es bedeutet, in einem demografisch anders als 1952 strukturierten Deutschland Kirche zu sein. Ich hoffe, dass es zu einem Erfahrungsaustausch über Aspekte der aktuellen interreligiösen Herausforderungen kommen wird. Ich gehe auch davon aus, dass die aussereuropäischen Kirchen aus dem Kontakt mit den Kirchen, die im Land der Reformation ihr Zeugnis und ihren Dienst leben, geistliche Inspiration schöpfen werden.
Frage: In Deutschland, wo Lutheraner, Unierte und Reformierte in der evangelischen Kirche zusammengeschlossen sind, verbindet sich mit der Vollversammlung 2010 die Erwartung an eine Stärkung des Protestantismus weltweit. Wie viel Zusammenarbeit etwa mit dem Reformierten Weltbund ist möglich, wie viel Profilierung braucht der LWB?
Ishmael Noko: Die LWB-Vollversammlung 2010 in Stuttgart sollte einen entscheidenden Moment bieten, um uns daran zu erinnern, dass wir den Auftrag und die Verantwortung haben, zur Profilierung der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche beizutragen. Alles was wir als Lutheranerinnen/Lutheraner oder als Evangelische tun, sollte darauf ausgerichtet sein, dieses wesentliche Profil zu stärken.
Eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem RWB ist möglich, wenn wir auf der bereits bestehenden Kooperation verschiedener Ebenen aufbauen – international geschieht diese durch die Gemeinsame lutherisch-reformierte Arbeitsgruppe, regelmässige Treffen der Mitarbeitenden von LWB und RWB im Ökumenischen Zentrum in Genf, die Mitwirkung des RWB am Planungsausschuss für die LWB-Vollversammlung „in beratender Funktion“ sowie die gleichzeitige Mitgliedschaft von LWB-Kirchen im RWB. Die Leitungsgremien beider Organisationen traten im November 2006 erstmals zu einer Sitzung zusammen und diskutierten bei dieser Gelegenheit gemeinsame Herausforderungen und Bereiche der Zusammenarbeit, etwa die neue gemeinsame Beratungskommission der weltweiten christlichen Gemeinschaften und des Ökumenischen Rates der Kirchen. Besonders betont wurde, dass dringend eine Neukonzeption der Vollversammlungen stattfinden muss, in der die Breite und Multilateralität der ökumenischen Bewegung konkreter zum Ausdruck kommt.
Die Frage, wie viel Profilierung der LWB braucht, geht insofern in die falsche Richtung, als das Streben nach der Einheit lutherischer Kirchen und nach lutherischer Identität nie isoliert von unserer untrennbaren Zugehörigkeit zu der einen, heiligen, allgemeinen und apostolischen Kirche vorangetrieben werden kann und sollte.
Frage: Nach der Bestätigung der Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre im Jahre 1999 hat es den Anschein, als sei der Dialog mit der römisch-katholischen Kirche nicht vorangekommen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ishmael Noko: Nein, diese Einschätzung teile ich nicht. Wir sollten uns bewusst machen, dass die Rezeption der Gemeinsamen Erklärung in den Regionen und Kirchen auf unterschiedlichen Ebenen und in voneinander unabhängigen Prozessen geschieht – und voran kommt. Die gemeinsame Stabssitzung von LWB und Päpstlichem Rat zur Förderung der Einheit der Christen verläuft positiv. Wir haben vor kurzem ein wichtiges Studiendokument zur Frage der Apostolizität der Kirche veröffentlicht.
Auch geht die Wirkung der Gemeinsamen Erklärung weit über den lutherisch/römisch-katholischen Bereich hinaus. Beispielhaft hierfür möchte ich die Bestätigung der GE durch den Weltrat Methodistischer Kirchen (WMC) im Juli 2006 nennen. Zunächst zeigt diese Bestätigung, dass der Kern der Rechtfertigungslehre nicht eine ökumenische Besonderheit ist, die nur die lutherischen Kirchen und die römisch-katholische Kirche betrifft, sondern von der universalen Kirche auf der Grundlage der Bibel gemeinsam geglaubt wird. LWB, römisch-katholische Kirche und WMC suchen derzeit gemeinsam nach Exegeten und Exegetinnen, die die ökumenische Interpretation der GE fortführen sollen. Ja, die Botschaft der Rechtfertigung hat grosses Potenzial als Quelle der Einheit unter den Kirchen.
Frage: Der Lutherische Weltbund befindet sich auch im Dialog mit der Orthodoxie und den Anglikanern. Wo erwarten Sie Fortschritte mit diesen Partnern?
Ishmael Noko: Neben dem weltweiten Dialog im Rahmen der Internationalen anglikanisch-lutherischen Arbeitsgruppe sind erhebliche Fortschritte bei regionalen anglikanisch-lutherischen Dialogen zu verzeichnen. Hier denke ich etwa an die Porvooer gemeinsame Feststellung (Anm.: von nordischen und baltischen lutherischen Kirchen sowie britischen und irischen anglikanischen Kirchen). Auch auf der nationalen Ebene können wir in Europa, Kanada und den USA Ähnliches beobachten. Ich hoffe, dass wir langfristig eine weltweite Einigung erzielen können, die eine Form der Kirchengemeinschaft ermöglichen mag.
Im theologischen Dialog mit der Orthodoxie gibt es ebenfalls Fortschritte. Im November 2006 feierten wir das 25. Jubiläum des lutherisch-orthodoxen Dialogs. Bei dieser Gelegenheit verabschiedete die Gemeinsame lutherisch-orthodoxe Kommission eine Gemeinsame Erklärung zur Eucharistie, in der deutlich gesagt wird, dass es zwischen beiden Traditionen historisch keine Widersprüche oder gar gegenseitige Verurteilungen im Blick auf die jeweilige Lehre von der Eucharistie gegeben hat. Es trifft ohne Zweifel zu, dass uns viel mehr verbindet als uns trennt. Ich freue mich auf weitere Fortschritte im theologischen Dialog mit der orthodoxen Seite.
Die Fragen stellte Udo Hahn.
Genf/Hannover, den 15.03.2007