Frage: Herr Professor Leppin, vom 22. bis 27 Juli tagt in Porto Alegre in Brasilien der 11. Internationale Luther-Kongress. Welche Themen stehen im Vordergrund?
Volker Leppin: Der Kongress wird sich hauptsächlich mit Luthers ethischen Vorstellungen befassen. Dafür gibt es von Luther her eine klassische Einteilung nach den drei Ständen Kirche, Haus und Obrigkeit. Und genau um diese Bezüge des christlichen Lebens wird es gehen. Dabei fällt eine besondere Aufmerksamkeit auf die politische Dimension. Das liegt auch nahe in einem Land wie Brasilien, in dem die theologischen Fragen sehr stark im Bezug auf den ökonomischen und politischen Kontext diskutiert werden. Doch gehen die Fragen auch weiter: Der Bogen der behandelten Themen reicht von Luther als Seelsorger über mystische Spuren in seinem Werk bis hin zu seiner Aufnahme von Rechtstraditionen oder auch seinen Vorstellungen von Ehe und Sexualität.
Frage: Welche Bedeutung hat die Luther-Forschung heute?
Volker Leppin: Luther-Forschung ist immer auch ein Spiegel des Selbstverständnisses der Lutheraner und Lutheranerinnen. Ob das Bemühen um einen „orthodoxen“ Luther, um einen „mittelalterlichen“ Luther oder auch um einen „revolutionären“ Luther: Immer spiegeln sich in den Lutherbildern auch die aktuellen Interessen des Protestantismus, der sich in seiner Gegenwart zurechtfinden will und sich dabei an seiner großen Ursprungsgestalt orientiert.
Darüber hinaus bedeutet Luther-Forschung auch: an einer historischen Zeit mit allergrößter Evidenz deutlich machen zu können, dass Religion geschichtsgestaltend wird. Gerade an der Person Luthers kann man im für heutige Forschung immer wichtiger werdenden interdisziplinären Gespräch die Bedeutung von Theologie und Religion auch „religiös unmusikalischen“ Forschern der Nachbardisziplinen deutlich machen – und die Ergebnisse der eigenen Forschungen zugleich in historische Gesamtprozesse einordnen. Die Zeiten sind vorbei, in denen man einen Luther zeitlos darstellen konnte: Er gehört in eine konkrete Zeit, hat sie mitgestaltet und wurde zugleich von ihr gestaltet. Wenn man den Zusammenhang von Religion und Geschichte verstehen will, kann man das kaum irgendwo intensiver als an dieser faszinierenden Persönlichkeit.
Frage: Welche Rolle spielt die Luther-Forschung zur Zeit in Deutschland?
Volker Leppin: Als an meiner Jenaer Fakultät in den zwanziger Jahren Friedrich Gogarten als Systematiker eine Vorlesung über Luther halten wollte, hieß es im Fakultätsrat, das gehe nicht: Luther sei kein systematisch-theologisches, sondern ein kirchenhistorisches Thema. Das hat sich, zum Glück, entschieden geändert: Heute ist Lutherforschung in der Systematischen Theologie wie der Kirchengeschichte, ja, auch in der allgemeinen Geschichte zentral beheimatet. So ist die Lutherforschung auch ein Feld, auf dem sich unterschiedliche Zugangsweisen zu einem historischen Gegenstand begegnen und unter Umständen auch mit einander auseinandersetzen können.
Nachdem personorientierte Forschung eine Zeitlang stark in Verruf geraten ist, sieht man heute wieder stärker, dass man in theologischen und historischen Zusammenhängen über den Umgang mit einer Person auf Sachfragen kommt. Daher ist die Lutherforschung zur Zeit ein sehr gut etabliertes, auch im Einzelfall heiß umstrittenes Forschungsfeld, in das übrigens auch ein starker Strom der Lutherforschung an den Theologischen Fakultäten und Hochschulen der DDR eingegangen ist. Für sie stand auch Günther Wartenberg, der bis zu seinem Tod kurz vor dem Kongress alle Fäden dieses Kongresses zusammengehalten und die Organisation vorangetrieben hat.
Frage: Welche Impulse erwarten Sie sich von dem Kongress für die Luther-Forschung?
Volker Leppin: Vor allem erwarte ich eine Kontextualisierung in doppelter Hinsicht. Zum einen geht es um die Kontexte, in denen sich das Gastgeberland bewegt: Dass nun auch Brasilien als Land für die Lutherforschung „entdeckt“ wird, ist ein wichtiger Schritt, der seine Bedeutung vor allem darin hat, dass Luther dort als ein Theologe gilt, der etwas für die aktuelle Situation von Menschen in Armut zu sagen und beizutragen hat. Wir sind in Deutschland nicht gewohnt, Luther stark in dieser Perspektive zu sehen und können hiervon viel lernen. Beeindruckend ist aber zweitens auch, wie eng die theologisch-ethischen Fragen etwa zur Anthropologie auf diesem Kongress mit historischen Kontexten zusammengeordnet werden: Wenn von Brasilien ein Impuls ausgeht, so dürfte es der sein, die theologischen Fragen an und von Luther in ihren Kontext hineinzustellen – und hierdurch nicht zuletzt auch die Bedeutung des eigenen Kontextes für Theologie besser zu verstehen.
Frage: Gibt es eine ausgeprägtes Interesse an Luther auch in anderen Konfessionen?
Volker Leppin: Tatsächlich gibt es eine Luther-Forschung in nennenswertem Maße nur auf römisch-katholischer Seite. Vor allem ist hier Otto Hermann Pesch zu nennen, der der Lutherforschung ganz wichtige Impulse gegeben hat. In der jüngeren Forschung aber gibt es kaum noch dezidierte römisch-katholische Lutherforscher, und auch in den anderen Konfessionen ist das Interesse an Luther nicht sehr stark. Ich nehme aber an – und hoffe –, dass sich dies im Vorfeld des Reformationsjubiläums 2017 ändern wird.
Hannover, den 13.07.2007
Die Fragen stellte Udo Hahn.